Bei einem Treffen in Vauban ging es um die besondere Situation von hörenden Kindern gehörloser Eltern.
Winnenden – 19. März 2012 - Wie sieht der Alltag von Kindern aus, deren Eltern taub sind? Dazu haben sie sich am Wochenende im kleinen Kreis ausgetauscht. Foto: Rita Eggstein
Richtig oder falsch? “Gehörlose und Hörende können sich nicht verstehen.” Jannick (10), Jeremy (10) und Jonathan (12) finden zuerst: Stimmt. Bis einer sagt: “Aber wenn man die Gebärdensprache kann?” Dann geht’s. Katarina Fraim lässt die Kinder Behauptungen testen, die alle kennen: aus dem Alltag als hörende Kinder gehörloser Eltern. Die Erwachsenen tauschen sich nebenan aus – beim letzten von fünf Trainingstreffen, das die Paulinenpflege Winnenden am Wochenende in der Kita Immergrün in Vauban angeboten hat.
Sieht man jemandem an, dass er gehörlos ist? Delfina (12), Isabelle (11) und Cinzia (11) schütteln den Kopf: natürlich nicht. “Wenn ich mit meinen Eltern unterwegs bin, spricht uns manchmal jemand an”, erzählt Isabelle – weil eben niemand damit rechnet, dass jemand nicht hören kann. Was tut man, wenn die Hörenden keine Gebärdensprache können und es keine Dolmetscher gibt? “Man kann ein Blatt Papier holen und alles aufschreiben”, sagt Jeremy. Müssen Kinder traurig sein, wenn die Eltern nicht hören können? “Nicht richtig traurig”, findet Delfina, “denn wir können dafür die Gebärdensprache und die anderen nicht!” Hörende Kinder gehörloser Eltern wachsen ganz selbstverständlich zweisprachig auf, ähnlich wie Kinder in binationalen Familien, sie lernen Sprechen und Gebärdensprechen nebeneinander. Trotzdem kann die Kommunikation in Familien mit Hörenden und Gehörlosen zum Problem werden – das war eines der Themen im Trainingskurs für gehörlose Eltern, den die “Sozialpädagogische Familienhilfe für Familien mit hörgeschädigten Kindern” der Paulinenpflege begleitend zum Kinderkurs organisiert hat. Für gehörlose Eltern sind Tipps zur Erziehung besonders wichtig, betonen die beiden gehörlosen Mütter Barbara Kieffer (zwei Söhne, vier und eineinhalb Jahre alt) und Claudia Zimmermann (ein Sohn, drei Jahre alt). Zum einen, weil sie viel schlechter an Infos – zum Beispiel im Fernsehen oder bei Elternabenden an Schulen und Kindergärten – herankommen, zum anderen, weil in ihren Familien besondere Themen auftauchen.
Die “Familiensprache” ist meist die Gebärdensprache
Umso wichtiger sind Regeln, wie die Einführung einer “Familiensprache”, die alle Familienmitglieder verstehen, in der Regel ist das die Gebärdensprache, bei Schwerhörigen können es auch Mischformen sein. Benachteiligt sind gehörlose Eltern in Deutschland im Vergleich zur Schweiz, wenn sie Dolmetscher für den Elternabend in der Kita brauchen, erzählt die Schweizerin Claudia Zimmermann – dort werden die Kosten übernommen, in Deutschland gilt die Kostenübernahme nur an Schulen. Manches tut sich aber, findet Barbara Kieffer: Seit sie sich den anderen Eltern an der Kita vorgestellt hat, werden beim Martinsumzug, an Fasnacht oder anderen Festen immer Gebärdenlieder mit ins Programm aufgenommen. Solche Erfahrungen stärken, auch wenn Gehörlose oft das Gefühl haben, abgetrennt in einer anderen Welt zu leben. Darum bemüht sich rund ein Dutzend Familien, die sich regelmäßig im Gehörlosenzentrum treffen, dass ihre Kinder sich austauschen können. Zum Beispiel über eine Situation, die alle kennen: Sie sitzen im Bus und unterhalten sich mit den Eltern in Gebärdensprache. Plötzlich werden sie von allen beobachtet – damit müssen sie umgehen lernen. Themen gäbe es noch genug, für die Eltern und für die Kinder, verdeutlicht Barbara Kieffer – darum gibt’s Überlegungen, nun nach dem Training einen Verein zu gründen, der gezielt Veranstaltungen organisiert.(Quelle)